Das Handicap-Prinzip - oder die freiwilligen Nachteile

Das Handicap-Prinzip – oder die freiwilligen Nachteile

Warum haben viele Tierarten umständliche oder augenscheinlich unnütze körperliche Merkmale um das andere Geschlecht zu beeindrucken?

Nehmen wir den Pfau zum Beispiel, seine langen Schwanzfedern behindern ihn in seiner Bewegungsfreiheit und haben keinerlei praktischen Nutzen, die Federn sind ganz allein dazu da um die Aufmerksamkeit der Weibchen auf sich zu ziehen.

Dieser absichtlich in Kauf genommene Nachteil wird als Handicap-Prinzip bezeichnet. Das Handicap-Prinzip besagt, das jemand, der sich solch einen Nachteil leisten kann, besonders attraktiv wirkt.

Der Sinn des Handicaps

Dieses zur Schau stellen des Handicaps wirkt deshalb so eindrucksvoll, weil derjenige damit signalisiert gute Gene zu haben. Denn nur wer gute Gene hat, schafft es solange zu überleben, sich die nötige Nahrung zu verschaffen und die Energie aufzuwenden um die betreffenden Merkmale auszubilden. Schwächere Tiere, sprich die Tiere mit den schlechteren Genen, müssen diese Energien für das reine Überleben aufwenden und schaffen es nicht, die Merkmale auszubilden.

Warum überhaupt dieser Aufwand? Ganz einfach, das Ausschlaggebende für die Partnerwahl sind die Gene. Weibchen suchen immer nach den besten Genen für ihre Nachkommen, das ist ein fester Instinkt und von der Natur so eingerichtet um die Überlebenschancen der Nachkommen zu maximieren. Nun ist es im Grunde nicht so leicht, eigentlich praktisch unmöglich, zu erkennen welches der werbenden Männchen nun die besten Gene hat.

Die richtigen Signale erleichtern die Partnerwahl

Und hier kommt das Handicap-Prinzip ins Spiel. Im Laufe der Evolution wurden deutliche Signale herausgebildet, in der Regel von den männlichen Individuen, um zu zeigen, dass diese ausgezeichnete Gene besitzen. Das macht die Partnerwahl einfach. Das es sich dabei aber um signalgebende Merkmale handelt, die den Eigentümer benachteiligt, hat einen einfachen und nachvollziehbaren Grund: Derjenige kann nicht schummeln.

Das bedeutet, gäbe es kein Handicap, dann könnten auch schwächere Individuen mit schlechteren Genen es schaffen diese Merkmale ebenfalls auszubilden und die möglichen Partner hätten wieder die Qual der Wahl. Nur ein Handicap bringt hier also die nötige Sicherheit.

Hauptsache das Handicap ist fälschungssicher

Signale müssen aber nicht unbedingt körperlicher Natur sein. Alles was einen erhöhten Energieaufwand bedeutet und nicht einfach von jedem nachgeahmt werden kann, dient der Attraktivität. Zum Beispiel ist es mit sehr viel Aufwand verbunden innerhalb einer Gruppe aufzusteigen und die Kontrolle über die Gruppenmitglieder zu erlangen. Wir können uns sicherlich alle gut vorstellen, wie viel Energie und eventuell auch Zeit so ein Konkurrenzkampf kostet, den zu gewinnen vollbringen nur die Besten. Ergo kann dieses Verhalten auch nicht gefälscht werden.

Der Mensch und seine Statussymbole

Auch der Mensch handelt in vielerlei Hinsicht nach dem Handicap-Prinzip. Angefangen bei teuren Statussymbolen. Das Wort Statussymbol sagt es ja schon direkt aus. Der finanzielle Aufwand ist sehr groß, genau hier liegt das Handicap, das sich eben nicht jeder leisten kann. Wer das nötige Kleingeld hat, der kauft sich zum Beispiel einen Luxusschlitten, obwohl es der Kleinwagen auch tun würde. Beide Autos bringen ihren Besitzer schließlich von A nach B. Nur ersteres erregt Aufmerksamkeit und ruft Bewunderung oder manchmal auch Neid hervor, solche Statussymbole signalisieren „schaut nur her was ich mir leisten kann, ich bin der Größte“.

Natürlich sind es nicht nur die Männer, die mit Hilfe dieser Signale ihre Attraktivität erhöhen wollen, auch die weibliche Welt bemüht sich mit vielfältigen Methoden um Aufmerksamkeit. An erster Stelle stehen teure Kleidungsstücke und Schmuck. Oft ist die Kleidung dabei nicht nur sündhaft teuer sondern auch noch unbequem und sehr aufwendig zu pflegen. Oder man denke nur an die halsbrecherischen hochhackigen Schuhe der Damenwelt, unpraktisch und zum Teil sogar gefährlich, aber anerkennende Pfiffe sind garantiert. Dabei wären genau genommen schlichte Jeans und flache Schuhe doch um so vieles besser, weil einfach zweckmäßig. Dennoch dreht sich unser Leben zum großen Teil um schöner, größer, weiter, schneller.

Die Signale sind überall

Wir wollen nicht nur auf das andere Geschlecht attraktiv wirken. Auch in beruflicher Hinsicht versuchen wir durch bewusstes Eingehen von Behinderungen und Nachteilen Vorgesetzte und Kollegen zu beeindrucken. Wer trägt zum Beispiel bei großer Hitze im Sommer schon gerne Anzug oder Nylons zum Kostüm. Der gesamte Dresscode der Geschäftswelt ist darauf ausgelegt Kunden und Geschäftspartner zu beeindrucken, gerade hier gilt: Kleider machen Leute.

Fazit:

Wer das Handicap-Prinzip kennt, der muss sich nur umschauen und wird es überall entdecken können. Im privaten Bereich wie auch am Arbeitsplatz dreht sich alles um Attraktivität und Anerkennung. Selbstverständlich geht es dabei nicht immer direkt um die Partnerwahl, die der Ursprung des Handicap-Prinzips ist.

Jeder von uns versucht möglichst oft und viel zu zeigen, was er sich leisten kann und wie toll er ist. Ob wir wollen oder nicht, wir kommen am Handicap-Prinzip nicht vorbei.

Was fangen wir nun mit diesem Wissen an? Eventuell bringt es uns ja von Fall zu Fall einen allgemeinen Vorteil, wenn wir es schaffen unser Gegenüber mit Signalen zu beeindrucken, die nicht direkt auf unsere Absichten abzielen. Sehr schön plakativ ist hier das Klischee von der hübschen, aber minderkompetenten Blondine im engen, kurzen Rock, die der grauen Maus aufgrund ihrer äußerlichen Attraktivität als neue Sekretärin vorgezogen wird.

Auf der anderen Seite hilft uns vielleicht die Kenntnis über die Wirkungsweise des Handicap-Prinzips dabei, weniger auf unsere Urinstinkte hereinzufallen und dadurch falsche Entscheidungen zu treffen.

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Diana Ludwig

Webdesignerin, Pinselschwingerin, Bloggerin und Studentin der Medieninformatik. Mein Steckenpferd ist das freie Open Source 3D Programm Blender, über das ich auf Blender-Tutorial schreibe. Du findest mich auch auf Google+ oder abonniere unseren RSS-Feed.

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